Realitäten und Spinngewebe

(Am 5. August 2008 geschrieben, am 24.3.2009 auf meinem Blog Heidi Barathieu-Brun veröffentlicht und am 6. Dezember 2010 hier nochamls überarbeitet, zur besseren Verdeutlichung).

Realitäten

Wäre die bekannte Realität ein Garten und ausserhalb dieses Gartens das Unbekannte, würden die meisten Menschen dazwischen einen hohen, starken Gartenhag setzen.

Es gibt zwei Sorten von Menschen:

A) jene, welche ständig den Gartenhag in Richtung Unbekanntes verschieben wollen. Kurz, sie wollen Neues lernen, sich sogenannt weiterentwickeln, sie sind gegenüber Neuem und Veränderungen viel offener, furchtloser. Oft sind sie regelrecht gierig nach Neuem.

B) Viele Menschen widersetzen sich Neuem, wollen den Gartenhang genau da stehe lasse, wo er ist und keine Veränderung zulassen.

Natürlich bestehen diese Gruppen nicht ungemischt in uns, viele Menschen besitzen beide Eigenschaften, in unterschiedlicher Mischung. 

Das Management zwischen beiden Eigenschaften, zwischen Menschen, oder auch innerhalb jedes Einzelnen, benötigt eine entwickelte Kultur, hohes zivilisatorisches Können und das Wissen darum, wie der Mensch funktioniert. Und genau das haben wir uns noch nicht ALS KULTUR erarbeitet. Vielleicht bestehen einige Ideen in Think-Thanks oder Philo-Stuben, aber das Volk bleibt mit dieser Balgerei immer noch sich selbst überlassen, respektive wurde in fest sitzende Ideologien eingebunden. Ideologien, welche gegeneinander immer wieder mal Streit provozieren können, zur Vorherrschaft einer eingebildeten oder realen Macht.

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Spinngewebe:

Mein Morgen-Speech an Unbekannte (im Bett beim aufwachen plötzlich angefangen):

  • ich bin irgendwo eingeladen, die Leute erwarten von mir etwas: sie haben mir ein Nachtessen bezahlt, nun erhielt ich eine Frage, und jetzt stehen phantasmatisch die Leute erwartungsvoll vor mir. ich fange schon im Bett an … springe dann hoch und versuche, das schon Gedachte noch einmal zu wiederholen, es hiermit festzuhalten und eventuell weiterzuspinnen:
  • … Ich kann ihre Frage mit einem Satz beantworten, wenn ich geschickt bin, und bei ihnen dabei zu Ruhm gelangen. Ich habe sie befriedigt und sie haben mir ein gutes Nachtessen, vielleicht auch den Weg hierher und sogar ein Honorar bezahlt, damit ich sie mit diesem einen Satz, oder mit vielen Sätzen, tröste, befriedige, ins Gleichgewicht bringe, sie den Alltag, den bösen, vergessen lasse.
  • Was erwarten sie von mir, hier. Dass ich als Pfarrer funktioniere? Ist denn der Herr Pfarrer ihrer Gemeinde nicht gut? Oder glauben Sie etwa gar nicht mehr, was er erzählt? Besteht eine so tiefe Kluft zwischen ihren Erwartungen und seiner Predigt? Wenn dem so ist, kann der Fehler nur beim Pfarrer liegen, nie bei ihnen. Warum?
  • Weil wir hier alle in einer Konsumgesellschaft leben, wo der Kunde, also derjenige, der bezahlt, recht hat. Nicht weil er gescheiter ist, nicht weil er weiser ist, nein, weil er das Geld ausgegeben hat.
  • Sie haben mich heute Abend (im Traum) bezahlt, dass ich zu ihnen sprechen soll. Das stand zwar nicht inm Vertrag, aber das ist implizit in der Einladung enthalten, denn ich bin nicht mehr jung genug, und hübsch genug, dass sie mich hierherholen für meinen Tailenumfang oder meine schönen Augen. Sie haben diesen Abend hier mit mir verbracht, um etwas zu erhalten. Ganz klarer Fall. Also bin ich eigentlich jetzt ihnen gegenüber verpflichtet.
  • Nur ist es mit der Wahrheit so, dass sie eigentlich die Realität dessen, was wir sind, erleben und zu begreifen fähig sind, wiederspiegeln sollte. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil alles andere einfach Unsinn ist. Im Mittelalter konnten die Menschen noch vom Himmel träumen und die Realität verleugnen, in unterentwickelten Ländern funktionieren die Menschen noch heute so. Es gibt sogar Leute, die behaupten, dass diese Länder nur deswegen unterentwickelt geblieben sind, weil deren Bewohner ZU VIEL träumen. Wir hierzulande träumen eindeutig zu wenig.
  • Das stimmt nur bedingt: wir träumen jeden Abend vor der Television ein kleines Glück. Auch ich tue das, es gibt gewisse Serien, die ich einfach nicht auslassen kann. Aber dieses Glück ist ein Glück auf Raten, eben ein gekauftes Glück. Es ist der gleiche Unterschied, ob ich mit einen Liebesakt erkaufe, oder ob ich ihn durch einen sehr lieben Menschen, den ich ungemein gut mag, geschenkt erhalte. Wobei natürlich die Dirne trotzdem erstklassig sein kann und sogar noch schön dazu. Wenn der Preis stimmt, sollte das erhaltbar sein. So auch das bezahlte Glück. Ich habe also grundsätzlich nichts dagegen.
  • Aber es gibt ein Sprichwort: wenn einer hungrig ist, kannst du ihm entweder einen Fisch schenken, oder du kannst ihm lernen, selber zu fischen. Nur im zweiten Fall hilfst du ihm für auch die nächsten Tage, zu Essen zu gelangen. Mit der Wahrheit, dem Glück, der Weisheit, ist es dasselbe: was sie selber erarbeiten können, hält am besten hin.
  • Aber das ist ihr Problem. Wenn ich ihnen jetzt ihre Predigt gebe, dann nur, weil ich selber etwas von ihnen will: ihr Geld. Wenn meine Predigt gut ist, bekome ich das nächste Mal noch mehr Geld.
  • Bin ich jetzt eine Hure (dieses Wort deutet bei mir weibliche Schwäche – also bin ich nichts), oder bin ich es, der sie alle vögelt? (Dann bin ich männlch stark, und sie sind eigentlich nichts).
  • Aber das wissen sie alles schon, sie haben bezahlt und wollen also nicht selber arbeiten. Ja, das wissen sie schon alles?
  • ( …. hier folgt der Einsatz einer guten Predigt … )
  • Oder ich weigere mich. Dann ist die Gefahr gross, dass ich ihnen nur Moral hinhalte. Wenn ich sehr stark bin, erhalten Sie ein Gleichnis, wo ich mir nichts vergebe und sie doch noch selber etwas denken dürfen.
  • (was war da noch hinten dran? ich erwachte auf mit dem Schub, da ist etwas, das sich mitteilen möchte. Jetzt sitze ich da und rede nur darum herum, wie ein alter Affe).
  • Aber es geht doch darum, dass aus mir (pardon, aus meinem Genie) etwas herauskommt, das sich wirklich schenkt. Dann habe ich mich nicht mehr bezahlen lassen, weil das, was aus mir heraus kommt, echte Gabe ist, also aus dem Ganzheitsspeicher funktioniert. Und wie das anheizen, wenn die Ich-Funktion so schön mitten auf dem Tron hockt?
  • Die Ich-Funktion räumt den Platz bei mir dann, wenn das Risiko zu verhungern zu gross wird, wenn sie den Platz nicht räumt, die Situation wirklich brenzlig werden kann. Dann bricht etwas anderes durch, angefeuert durch meine ewigen, täglich wiederholten Formeln an das Unterbewusstsein. Dann bricht etwas durch, das ich gar nicht aufhalten kann und auch nicht mehr will. Dann entsteht diese Mischung von Demut und Kreativität, die alles möglich macht.
  • Aber dann findet sich wider ein tüchtiger Religionslehrer, der daraus ein Gesetz zu machen imstande ist, damit doch alle – bitteschön, wir sind in der Demokratie – damit alle die Gelegenheit erhalten, sich weiterzuentwickeln, dies zu lernen. Wenn wir dann alles noch mit Moral belegt haben, mit treuer politischer Korrektheit,haben wir endgültig die Ich-Funktion bestärkt, was alle Psychologen für ausserordentlich gut halten (siehe Sekten, welche für das Gegenteil beschimpft werden). Das Dumme ist nur: sobald etwas gut eingeübt ist, das heisst, zum Ritual verkommt, ist die Kreativität weg.
  • Dann ist der Gartenhag definitiv ein Stück weiter nach aussen gerutscht und Neues muss erst wieder gesucht, gefunden, erneut erobert werden … usw … usf …
  • Man nennt das die Weiterentwicklung dieser Menscheit.

Diese Spinnerei ist natürlich nicht fertig hier.

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