zu Peter Sloterdjiks Buch ‘die Verachtung der Massen’

(wurde schon am 28. Juli 2005 auf dem Blog Mein privater Garten veröffentlicht):

Peter Sloterdjik: ‘die Verachtung der Massen, Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft’, Sonderdruck Edition Suhrkamp“: erste Auflage 2000, ISBN 3-518-06597-1. Er diskutiert unsere Haltung zur Frage der Erziehung von Massen.

Peter Sloterdjik, ab Seite 30: … In dem Projekt der Moderne, die Masse als Subjekt zu entwickeln, sammelt sich, soviel wir verstanden haben, leicht entzündlicher psychopolitischer Sprengstoff an. Er kann durch Funken von oben wie von unten detonieren. Wie all Entwicklungsprogramme muss auch dieses seinen Adressaten beleidigen, sobald es ihm zu verstehen gibt, er sei noch nicht, was er werden soll.

Schon Bruno Bauer hatte ironisch bemerkt: “Um doch etwas Grosses zu haben hat man neuerlich die Massen auf das Schild gehoben. Man will sie zu sich heraufheben, als ob sie dann wunder wie hoch … herausgehoben würde!” Entwicklung ist evidentermassen nicht ohne die Kränkung des zu Entwickelnden zu haben, denn wer entwickeln will, lässt sich zum Nicht-Entwickelten herab. Will man dieser prekären Implikation des Fortschritts-, Heraufhebungs- und Emporziehungsdenkens ausweichen, so muss man die Masse auf der Stelle von Entwicklungszumutungen freisprechen und ihr versichern, sie sei, so wie sie ist, schon ganz am Ziel. In der Alternative zwischen Entwickeln und Verwöhnen begegnen sich die modernen Diskurse über den Menschen als ein Ende in sich selbst. Darum ist die Moderne die Arena eines prinzipiell unabschliessbaren Konflikts zwischen Evolutionisten, die Anstrengungen in Aussicht stellen, und Verführern, die das Ende der Anstrengung lehren. Wer immer sich einmischt in den Betrieb der Diskurse über aktuelle Gesellschaftssysteme und ihre Populationen, die Elite und die Massen, die Gleichen und die Gleicheren, die Vielen und die sehr Vielen, hat sich bereits, wissend oder nicht, entschieden, ob er die grosse Zahl entwickeln und beleidigen oder ihr schmeicheln und sie verführen will

Mein erstes Kommentar dazu: Nicht nur die Entwickler, auch die Adressaten dieser Entwicklungs- resp. Freisprechungshaltungen haben Teil an dieser Wahl. Sie entscheiden, bewusst oder unbewusst mit, ob sie Entwicklung oder aber Freisprechung erwarten. Und nicht nur Einzelpersonen entscheiden diese Wahl, vor allem Gruppen, ja ganze Völker können, bewusst oder unbewusst, sich für Entwicklung oder Freisprechung entscheiden. Beide Wahlhaltungen sind in unserer Moderne fortlaufend zu beobachten und erklären in grossen Zügen, was passiert.

Dazu ein paar kurze praktische Fragen:

  • welche der beiden Haltungen bewirkte Bushs massive Wiederwahl im Jahre 2004?
  • wo stecken Progressive wirklich? In Europa? In Amerika? Im Rest der Welt?
  • gibt es in Bezug auf diese Haltung Unterschiede zwischen Einzelnen, Massen, Eliten? Wer hat mehr Interesse am Festhalten von Bewährtem? Oder mehr Angst vor Veränderung?
  • sind völkische Rechtsparteien besonders in diese Fragen verstrickt?

Mein zweites Kommentar dazu: Beleidiger sehe ich eher im politisch rechten Lager, Verführer eindeutig bei den Linken. Dazu kommt: wer dem anderen Beleidigung oder Verführung zumutet, wählt diese Haltung auch immer nach der eignen Fähigkeit, die jeweilige Situation selber zu ertragen, respektive dafür empfindlich zu sein.

Weiter: Seite 31, … Was man in der Moderne an Kulturkämpfen und ideologischen Parteigefechten wahrnimmt, ist meistens nichts als der Streit zwischen den Beleidigern und den Schmeichlen. Es ist ein Ringen, das ausgetragen wird um das Vorrecht, den wirklichen und wahren Interessen der Vielen, wenn nicht aller, besonders genau gerecht zu werden. Wo man in bezug auf ein Kollektiv zwischen Vertikalkommunkation (Beleidigen) oder Horizontalkommunikation (Schmeicheln) wählen muss, dort liegt etwas vor, was man ein objektives Anerkennungsproblem nennen muss. Im Begriff der Masse sind Merkmale mitgesetzt, die per se zu einer Vorenthaltung der Anerkennunmg geneigt machen. Verweigerte Anerkennung heisst Verachtung – so wie verweigerte und verworfene Berührung Ekel heisst

Mein Kommentar dazu: Diese Vorenthaltung der Anerkennung per se bedeutet, von einem anderen Blickwinkel aus gesehen auch TRENNUNG. Peter Sloterdjik zweigt hier ab in seinen Ueberlegungen auf Verachtung, ich zweige ab auf Trennung. Auf Trennung zwischen dem, der diese Anerkennung geben könnte, und dem, auf den Aufmerksamkeit gerichtet ist. Beim Erziehen ist diese Trennung vorgesehen. Der Versuch, diese Trennung zu negieren lässt uns einschmeicheln statt erziehen. Siehe all jene Eltern, welche ihre Kinder nicht mehr erziehen können, sondern von klein auf als gleichwertige Partner sehen müssen?

Um Trennung zwischen sich und ihren Kindern aufrecht erhalten zu können, müssten sie glauben dürfen, Trennung bedeute nicht einfach automatisch Verachtung. Und hier, vermute ich, liegt wohl etwas versteckt, was wir als Kleinkind verdreht in uns aufnahmen: als Kind hätten wir Trennung mit Verachtung verwechselt.

Wenn heute Jugendliche im öffentlichen Raum schlechtes Benehmen zeigen, greift kaum ein Erwachsener erziehend ein. Ist unsere Gesellschaft zu einem Haufen von Schmeichlern verkommen, oder sind wir einfach zu faul, uns noch für diese Gesellschaft einzusetzen. Delegieren wir Erziehung an Professionelle?

Oder haben wir ganz einfach Angst, Trennung zugeben zu müssen? Uns selber gegenüber? Oder fürchten wir gar, diese Jugendlichen könnten gewalttätig werden? Oder ist einschmeicheln statt erziehen ganz offensichtlich einfach nur phantasierte oder reale Machtlosigkeit?

Auch Widerstand brechen zu wollen kann uns einschmeicheln lassen. Schmeicheleien lassen sich immer als eine mögliche Waffe einsetzen.

Trennung sitzt viel tiefer in uns als Verachtung. Bei Trennung fühlen wir uns viel machtloser. Ein Gefühl der Verachtung lässt uns glauben, wir hätten die Sache noch im Griff. Wir können sagen ‚ich verachte’ diesen Menschen oder jene Sache, und sich dabei noch mächtig fühlen. Sagen (zugeben) müssen, ‚ich trenne, ich bin getrennt, ich werde abgetrennt’, hinterlässt neben einem eventuellen Triumph eher den schalen Geschmack von etwas Verlorenem.

Ich behaupte, die Menschheit als Ganzes leidet viel mehr unter Trennung (Abgetrennt sein – von was denn?) als unter Verachtung.

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