Tod Liebe Verlangen Weiterentwicklung

(wurde schon am 26. September 2005 auf dem Blog Mein privater Garten veröffentlicht):

Verbunden mit Paradiesvorstellung.

Der Weg des Buddha lässt uns zurücktreten von dem, was ist, was wir tun, was wir glauben, was wir rechtfertigen. Aber vor allem, was wir wünschen.

Buddha lehrt uns, unsere weltlichen Neigungen als nicht relevant zu durchschauen. Wir sollen zurücklehnen, eine Atempause einlegen und genau hinsehen was tun wir da?. Wir lernen, eine Differenz zu machen zwischen dem, der etwas will oder macht (wir) und dem Gemachten.

Buddha lehrt uns, uns nicht mit unserem Werk zu identifizieren. Als Buddha wissen wir, dies haben wir zwar gemacht, gewünscht oder nicht gewollt, erlebt und ertragen, aber letztendlich bin nicht ich das da, ich bin nur der Betrachter. 

Sind wir fähig, unser Leben als Betrachter zu erfahren, können uns Widerwärtigkeiten nicht mehr soviel anhaben. Sie können uns nicht mehr in die Knie zwingen. Unser Leben in der Buddha Haltung zu leben hilft uns, nicht darin zu versaufen. Buddha hat uns einen Rettungsring zugeworfen, um auch im stürmischsten Meer den Kopf über Wasser zu halten.

Der Weg des Buddha ist dann ein Erste-Hilfe-Notprogramm, wenn alle unsere positivistischen Aktionen nichts genutzt haben und wir, nach einem Schicksalsschlag oder nach einer plötzlichen Erkenntnis, wieder einmal mit leeren Händen dastehen. Oder es glauben.

Der Weg des Buddha entspricht zwangsläufig eher dem alternden Menschen. Sei es, das Leben habe sich nicht an unsere Träume gehalten, sei es trotz der Erfüllung der wichtigsten Träume bleibe diese unstillbare Leere zurück, von der viele Menschen immer wieder reden und Dichter schreiben, und die wir selber täglich so mühevoll ausgrenzen.

Der Weg des Avatar lässt uns positivistisch die Welt erschaffen. Avatar ist zuerst einmal eine göttliche Inkarnation im Hindu-Glauben (Sanskrit: avatâra = Herabkunft). Im Hinduismus kann eine solche Gottheit in viele Teil-Gottheiten aufgeteilt fleischliche Gestalt annehmen (genannt werden Vishnu, Shiva, Krishna, Rama etc.).

Hier spreche ich von Avatar als einer Haltung, die wir dann einnehmen, wenn wir unsere Welt erschaffen und gleichzeitig in diesem unserem Werk aufgehen. Wir erschaffen etwas Neues und erleben es als unsere Welt. Wir identifizieren uns damit. Avatar sein heisst, die Bedingungen zur Erfüllung meiner Wünsche erschaffe ich mir jetzt, sofort. Als Avatar bin ich erst einmal eins mit meinem Werk, Trennung lasse ich nicht gelten.

Avatar ist die Haltung des positivistischen Draufgängers. Ob er jetzt die Gesetze beachtet, er solle zur Erreichung seiner Ziele nicht über die Gartenbeete seiner Mitmenschen laufen, ist hier nicht die Diskussion. Es wäre ihm zu empfehlen. Aber erstens ist zweifelhaft, wie genau die Götter diese Regel selber immer einhielten, und zweitens sind wir als Menschen diesbezüglich leider nicht sehr zuverlässig.

Wir Menschen sind grundsätzlich beider Haltungen fähig: jener des Buddha, der in Weisheit über den Dingen zu stehen scheint, und jener des Avatars, der positivistisch seine Welt erschafft und mit ihr eins ist. Praktisch müssen die meisten von uns dies zuerst lernen. Sei es durch das Leben selber und den damit verbundenen Aha-Erkenntnissen, sei es durch üben, lernen, sich selber schulen. Aber wir können dessen fähig werden, wenn wir uns darum bemühen. Oder wenn das Leben uns zwingt, eigene Aha-Erkenntnisse zu produzieren, um mit unserer Realität fertig zu werden.

Von Avatar wird also gesagt, er teile sich in einzelne Wesen auf, die auf unserer Erde als reale Gestalten herumlaufen. Göttliche, oder zumindest halbgöttliche Wesen also. Manchmal gibt es dann einen Menschen, der in einem spirituellen Erlebnis erfahren durfte, Teil eines solchen Wesens zu sein.

Und jetzt wird es spannend: falls das Ego dieses Menschen sich mit dem Erlebten VOLL identifiziert (was oft mehr eine Sache der ihn umgebenden Kultur ist als eigenes Dazutun), dann sagt er ich BIN Jesus oder Krishna oder jener. Und dann hängen wir ihm Paranoia an, wenn sein Ego-Teil damit nicht fertig wird, dass diese für ihn doch wahre Tatsache von seiner Umgebung nicht anerkannt wird.

Und genau hier ist es wichtig, dass jemand, der diese Realität erfahren hat, zwischen der Buddha- und der Avatar-Haltung in sich selber unterscheiden kann. Noch mehr, er soll so weit sich entwickeln, diese frei wählen zu können, aus innerem Entscheid heraus.

Eine Brücke für den Einzelnen in dieser Situation könnte sein, sich vorzustellen, Avatar sei ein kollektives Bewusstsein, kein individuelles. Was ist denn ein kollektives Bewusstsein? Nun, ein Fischschwarm, in welchem alle Fische in einem grossen Schwarm gleichzeitig Bewegungen und Wendungen vollziehen, wäre einem kollektiven Bewusstsein gleichzusetzen. Desgleichen Vogelschwärme oder Insektenschwärme im Sonnenlicht. Hier passiert etwas, was ich mit kollektivem Bewusstsein meine.

Wenn also ein armer Erdling in einer spirituellen Erfahrung etwas weiss, was andere nicht verstehen, so hat er zwei Möglichkeiten: er nimmt die Buddha-Haltung ein und hält erst mal die Klappe oder redet nur in Andeutungen, oder er nimmt die Avatar-Haltung ein und identifiziert sich vollkommen mit dem Erlebten, mit seinem ganzen Ego. Dann läuft er Gefahr, nicht nur bei seinen Mitmenschen, sondern auch im eigenen inneren Ablauf voll ins Messer zu laufen.

‚Götter’, welche solch einem noch unreifen Menschen diese Avatar-Erfahrung beschehrten, dürfen als bösartig abgestempelt werden. Heute gibt es viele Offenlegungen innerer Vorgänge durch Praktiken vorwärtsstürmender Esoteriker, die es ja nur gut meinen. Ok, Avatar hatte seine Stunde, Rückzugsgebiete mit buddhistischer Ausrichtung können ja manches wieder ins Lot bringen (doch, doch, auch heutige psychiatrische Anstalten können das Zurücklehnen und mit Distanz wieder Hinschauen einüben – bei kooperativen Patienten lehren).

In der Haltung des Avatars entscheiden wir gemäss unseren Wünschen, nähren wir unser Handeln durch unser Sehnen. Unsere ureigene Paradiesvorstellung (siehe 8. Nov 2010 auf diesem Blog) ist dabei der Kompass. Für unsere Paradiesvorstellung tun wir alles.

Einen guten Ansatz zum ganzen Verstehen können wir in dem Büchlein von Hans Saner: Der Schatten des Orpheus, Lenos 2000, nachlesen. Das Hauptthema ist Tod, Liebe, Musik. Tod und Liebe als uns alle bewegende Kräfte, Musik als mögliche Vermittlerin dazwischen. Der Weg des Orpheus in die Unterwelt, um seine Eurydike zurückzuholen. Das Scheitern des Orpheus wird in der Philosophie diskutiert: warum drehte er sich um, damit seine Geliebte für immer verlierend. Hans Saner bespricht mögliche Antworten seiner Kollegen, argumentiert selber.

Was mir fehlt ist das Eingeständnis, der Held habe ganz einfach vorher nicht gelernt, mit der Situation umzugehen. Er habe sich also unbedarft der Unterwelt genähert, als Greenhorn, und deshalb versagt. Ach ja, ich vergesse es immer wieder: Helden dürfen nicht doof sein. Eventuell schwach, ja, um den Gegner umso haarsträubender gestalten zu dürfen. Einem noch mächtigeren Gegner zu unterliegen ist ja keine (männliche) Schande. Aber doof sein schon. Das ist nicht gut für Heldenmythen.

Ich will jetzt nicht auf bösartig tun und billig höhnen, nein, ich sehe im Orpheus-Mythos eher die ganze Menschheit gemeint. Orpheus steht für mich stellvertretend für unsere ganze Menschheit. Als einer, der es mit Göttern und Halbgöttern zu tun hat, kann er ruhig für diese Menschheit stehen. Und unsere Menschheit ist noch nicht ganz reif, um den Göttern zu begegnen. Scheint wenigstens so. Obwohl wir uns selber schon mal die Abgründe erschaffen, um darin auf Probe eine Begegnung zu üben: Atomtechnik und Gentechnik sind doch die Attribute von Leben und Tod. Attribute, die nur Göttern zustehen.

Vielleicht bereiten wir uns auf die Begegnung mit den Göttern vor, indem wir versuchen, ihnen zu gleichen. Wahrscheinlich ist dieser Trieb in uns so stark, weil er schon in Mythen vorbereitend gesetzt wurde. Ob Götter wirklich existieren ist nicht mehr wichtig, wir haben sie in unseren Köpfen und wollen ihnen deshalb gleichen.

Gottgleich werden heisst, die Avatar-Haltung einzunehmen. Es wäre gut, wenn wir die Buddha-Haltung schon eingeübt hätten, um nicht zu versaufen. Zusammen mit unserem Werk.

Comments are closed.