Paradiesvorstellung

(wurde schon am 14. Juni 2005 auf dem Blog Mein privater Garten veröffentlicht):

Paradiesvorstellung ist das, was ich mir selber als mein ureigenes Paradies vorstelle. Die Realität, in welcher ich sein möchte. Es ist das, was ich in meinen innersten Wünschen mir ausmale. In allen Aspekten. Immer dann, wenn etwas nicht so recht läuft, wird unbewusst auch diese Vorstellung etwas angepieckst, deren Inhalte – meist unbewusst – mit der Realität verglichen.

Die Paradiesvorstellung ist die geradeste innere Verknüpfung zwischen dem Ist- und dem Soll-Zustand.

Sie ist das, was ich fühle in mir als das Versprechen, welches das Leben für mich bereit hält. Die Paradiesvorstellung ist zuerst ein unbewusstes, aber sehr starkes Wissen, Fühlen, Erwarten, das Leben liege mir zu Füssen und ich werde es verschlingen. 

Es ist der Trieb, der von Psychologen umgangen, von Religionen organisiert, von Politikern benutzt wird. Meistens haben wir ihn, ohne ihn gross bewusst zu machen. Wenigstens, solange das Leben für uns friedlich dahinläuft. Ich behaupte, wir haben dafür die Veranlagung mitbekommen, die Inhalte werden von unserer Kultur, unseren Reaktionen und Wünschen hineingemischt. Automatisch. Im Laufe des Lebens mögen wir bewusste Veränderungen versuchen, aber ich meine, der unbewusste Teil behält seinen starken Einfluss.

Für die Realisierung unserer Paradiesvorstellung machen wir so ziemlich alles. Wir schmeicheln, verführen, verhandeln, machen Politik, erstellen Gesetze oder beschummeln sie, wir hauen auf die Pauke, und wenn alles nichts hilft, zetteln wir Streit oder Kriege an.

Es gilt fast immer: meine Paradiesvorstellung ist die richtige, deine ist falsch, ist die Hölle, die ich bekämpfen werde. Wenn es um die Paradiesvorstellung geht, hört Demokratie immer dann auf, sobald wir es auch durchsetzen können.

Die Fähigkeit zur ureigene Paradiesvorstellung ist wohl fest in uns verankert. Wohl vom ersten Tag an. Diese innere Vorstellung ist der Apfel im Paradies, sie ist unsere Triebfeder zum handeln. Sie lässt uns morgens früh aufstehen bei der Aussicht, den Baum der Erkenntnis zu plündern, oder den Code zu knacken vom Baum des Lebens. Dieser Apfel ist das einzige Objekt, für das wir fast alle zu einer Todsünde bereit sind.

Religionen haben unsere Paradiesvorstellung von der Erde wegplaziert, in ein Leben nach dem Tode. Dafür dürfen Millionen schuften, einigen Privilegierten wird damit das Paradies schon jetzt gegönnt.

Paradiesvorstellungen von Sekten werden von Aussenstehenden empfunden als Verrat am eigenen, bewährten, anerkannten Weltbild. Oder als Irrtum, Sünde, Heimsuchung beschimpft. Man darf sie unbescholten belächeln, verspotten, beschmutzen, bekriegen, ausrotten, die Mitglieder mit Minderwertigkeit belegen.

Sekten können die gröbste Herausforderung sein an unsere eigene Paradiesvorstellung. Deshalb scheint jeder Trick gegen sie erlaubt, deren Mitglieder haben den Status der Gleichwertigkeit, des Normalen, verspielt.

Jacques Lacan redet vom ‘désir’, vom Verlangen. Verlangen steuert uns unser ganzes Leben, suggeriert uns Erfüllung überall dort, wo es etwas zu holen gibt. Für mich sind Paradiesvorstellung und Verlangen gleichwertig, wenn auch etwas differenziert in mehr mentale und mehr gefühlte Abläufe. Beide treiben uns unerbittlich an. Dafür kam Buddha, um uns zu lehren, dem Verlangen zu folgen sei ein Weg der Selbsttäuschung. Die Krux ist, wir lieben es, uns in ihnen zu verlieren. Verlangen und Paradiesvorstellungen reduzieren unsere kritischen Fähigkeiten auf ein Minimum.

Oft lernen wir, diesen inneren Energieschub zu verleugnen und sogenannt vernünftig zu werden. Dann ist es wie mit der Liebe: haben wir sie, werden wir durchgeschüttelt, verlieren wir sie, wird es ruhig, aber auch ein bischen langweiliger. Und zwischen zu viel Langeweile und Depression gibt es auch einen geraden Weg. Bergab.

Wenn diese Vorstellung auf ein paradisisches Leben als Fähigkeit in uns sozusagen vorprogrammiert ist, macht es kaum Sinn, ihr entrinnen zu wollen. Dann können wir sie als positive Triebfeder in unserem Leben benutzen. Wir müssen nur lernen, wie auch immer derart damit umzugehen, dass sie uns nicht zerstört, innerlich nicht zerfrisst. Und wir diese vorantreibenden Energien so gescheit nutzen, dass wir dem irdischen Paradies – für uns und für alle – etwas auf die Sprünge helfen.

Meine Paradiesvorstellung beinhaltet das Wissen, wir alle sind ein Teil nicht nur einer entwicklungsfähigen Menschheit, sondern eines ganzen Universums. Bleibt die Frage: wie schaffen wir es, diesen Laden richtig zum Laufen zu bringen.

Comments are closed.