Der Tabubruch der Gönül Alphan

Ok, dieser Text ist schon etwas älter. Für viele Länder gilt aber immer noch die Frage, ist Frauengebet im öffentlichen Raum ein Menschenrecht?

Publiziert von der Berliner Zeitung online, Guenter Seufert, 24. Juli 2002 – Der türkische Religionsrat will, dass Frauen am Gebet in den Moscheen teilnehmen – eine Abgeordnete macht Ernst damit. Ausgerechnet eine Abgeordnete der Demokratischen Links-Partei von Bülent Ecevit hat im Mai in Ankara durch ihr Gebet in der Parlamentsmoschee für Wirbel gesorgt. Die Links-Partei des Ministerpräsidenten gilt als Bollwerk des Laizismus, denn außer ihr sitzen in der “Großen Türkischen Nationalversammlung” nur rechtskonservative Parteien, die auf die religiösen Gefühle ihrer Wähler Rücksicht nehmen müssen. Die Andacht der attraktiven Gönül Saray Alphan, die die weltoffene Industriestadt Manisa vertritt, hätte auch dann Kopfschütteln hervorgerufen, wenn sie es beim Besuch des Frauengebetsraums belassen hätte. Doch Alphan absolvierte die Kniefälle und Verbeugungen des Ritualgebets in der Parlamentsmoschee im Kreise der Männer, denen im türkischen Islam die Moscheen vorbehalten sind.

“Soll sie doch künftig auch die Männertoiletten benutzen”, ereiferte sich Mehmet Ali Sahin von der pro-islamischen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei. Und Fethullah Gültepe von Tansu Çillers Partei des rechten Weges sagte: “Wie sah das hässlich aus, als sie sich niederbeugte”, und verriet so, dass er beim Beten nur halb bei der Sache war. Alphans Parteifreunde kritisierten, dass die Abgeordnete die Presse zu ihrer frommen Grenzüberschreitung geladen hatte. Tatsächlich wollte Alphan mit ihrer Gebetsaktion weniger dem Herrn dienen als wegweisende Beschlüsse des türkischen Theologenrats in die Bevölkerung tragen. Nur wenige Tage vorher hatte das staatliche Präsidium für Religiöse Angelegenheiten 111 Religionsgelehrte einberufen. Ihr Votum sollte “zunehmender Verwirrung über religiöse Fragen” im Lande begegnen, wo “rascher Fortschritt in Wissenschaft und Technik sowie gesellschaftlicher Umbruch das traditionelle Religionsverständnis untergraben”. Es gelte vor allem über “die Frauenfrage” Klarheit zu gewinnen.

Seit Gründung der Republik entzündet sich der Streit zwischen Laizisten, die nach französischem Modell die Religion zurückdrängen wollen, und Religiös-Konservativen an der Stellung der Frau. Für die Konservativen gehört die Frau ins Haus und ihre vornehmste Aufgabe ist die Erziehung der Kinder. Selbst zum Freitagsgebet in die Moschee will man sie nicht lassen. Der Ausschluss der Frau vom Freitagsgebet steht für ihren Ausschluss von der Gemeinde. Zumindest theoretisch haben die 111 Theologen jetzt mit der Verbannung aus der Moschee Schluss gemacht. “So wie zu Zeiten des Propheten”, sagen sie, sollen die Frauen fortan wieder dabei sein.

Beim Ausschluss der Frauen vom Gebet können sich die Männer auf keine einzige Vorschrift des Korans berufen, der sonst für die Benachteiligung der Frau einiges herzugeben scheint. Da gibt es Verse, wonach ein Mann so glaubwürdig ist, wie zwei Frauen zusammen; da erhält der Mann vom Erbe zwei Teile und die Frau nur eines; und da ist von gerechtfertigter Züchtigung der Frau die Rede, wann immer sie sich störrisch zeigt. Die 111 Theologen, darunter sechs Frauen, sind ganz anderer Meinung: Der Islam erkenne Mann und Frau in gleicher Weise als Geschöpfe Gottes an. Beide seien gleichermaßen sündhaft und aufgerufen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter seien grundlegend und abweichende Regelungen den historischen Bedingungen der Offenbarungszeit geschuldet und nicht auf ewig gültig. Nicht die einzelne Vorschrift mache die Norm, sondern die Intention des ganzen Buches. Weil die heutigen Umstände die Gleichberechtigung erlauben, seien ungleiche Regelungen ungerecht.

Das Votum des Theologenrats hat in der Türkei, die sich bereits 1924 vom Religionsgesetz verabschiedet hat, keine rechtlichen Auswirkungen. Dem Gesetze nach ist die Gleichheit der Geschlechter seit langem festgeschrieben. Doch in Anatolien und an den Rändern der Metropolen, wo die große Masse wohnt, sind konservative Sittlichkeitsvorstellungen noch ungebrochen. Bis zur Tagung des Theologenrates hatte die Republik Türkei von der liberalen Interpretation des Islams nur selten Gebrauch gemacht. Doch seit den frühen Neunzigern organisieren sich muslimische Frauen und klopfen ihre Religion daraufhin ab, was sie zu ihrer Situation zu sagen hat. Die Beschlüsse des Theologenrats zeugen erstmals davon, das dies Wirkung hat.

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