Tiere sind weder Menschen noch Waren

Linked with Departement of Biblical Studies, Univ. Fribourg (CH), and with Othmar Keel – Switzerland.

“Wenn ich so Reklame anschaue, dann beeindruckt es mich immer wieder, wie viel Energie investiert wird, »unseren vierbeinigen Freunden«, wie es so heißt, »ein ganzes Leben in Schönheit, Widerstandsfähigkeit und Vitalität zu garantieren«. Da wird z. B. »abwechslungsreiches Futter so recht nach Katzengeschmack« angeboten »mit 16 Vitaminen und 8 Spurenelementen«. Es gibt Tiere, die werden wie liebste Menschen verwöhnt. Alle unsere Gefühle und manchmal auch unsere Neurosen projizieren wir auf sie. Andere Tiere behandeln wir brutal, als ob sie empfindungslose Wesen wären. Auch nach den bundesrätlichen Verordnungen vom 27. Mai 1981 zum neuen Tierschutzgesetz dürfen wir Mutterschweine immer noch in engsten Käfigen halten und kurz anbinden, so dass sie sich kaum bewegen können und noch viel weniger im Dreck wühlen, wie sie es sonst so gerne machen würden. Kälber dürfen wir weiterhin in Einzelboxen sperren, damit sie möglichst schnell möglichste weißes und schwammiges Fleisch ansetzen.Dabei weiß doch jeder, wie gerne Kälber ein paar Sprünge machen, wie sie das freut, und uns freut es auch, wenn wir sie sehen. Ich habe jetzt immer und absichtlich gesagt: Wir. Denn wenn einzelne Leute irgendein Tier bis zur Lächerlichkeit vermenschlichen, dann ist das nicht nur ihre Sache, sondern die unserer Gesellschaft, die die zwischenmenschlichen Beziehungen rationiert hat.

Und wenn Hühner und Schweine in stinkende Konzentrationslager gepfercht werden, dann sind wir an diesen Zuständen mitschuldig, denn wir haben unseren Fleischkonsum pro Jahr und pro Kopf von 45 auf 90 kg gesteigert. Irgendwoher müssen die Fleischmassen ja kommen, die wir und unsere Hunde und Katzen fressen.

Vielleicht sagt jetzt der eine und andere, der in eine solche Tierfabrik investiert hat, um wirtschaftlich vorwärts zu kommen – und wer will das nicht -: Was geht das denn den da an und was hat das mit dem Wort zum Sonntag zu tun?Viel! Der Sonntag ist der Tag, den wir meistens nicht in unseren Werkstätten, Büros und Fabriken verbringen, sondern eher in der Natur draußen, und da erfahren wir – z.B. wenn es uns einmal so richtig verregnet – dass wir nicht nur die Herren der Schöpfung, sondern selber Geschöpfe sind und die Tiere unsere Mitgeschöpfe. Das hat nicht erst Franz von Assisi entdeckt. Das hat schon die Bibel gesehen, wenn sie z.B. vorschreibt: »Sechs Tage lang darfst du arbeiten, am siebten aber sollst du keinerlei Arbeit tun, weder du selbst, noch deine Untergebenen, noch eines von deinen Tieren« (5. Mose 5,13-15). Die Haustiere werden hier ganz selbstverständlich als Teil der menschlichen Gesellschaft gesehen, als ihr schwächster Teil. Und die Gerechtigkeit und der Anstand einer Gesellschaft bemessen sich daran, wie gut es ihren schwächsten Mitgliedern geht, nicht daran, wie fett ihre stärksten Mitglieder werden. Darum sagt das Alte Testament: »Der Anständige kümmert sich um die Bedürfnisse seiner Tiere; die Skrupellosen aber sind grausam« (Buch der Sprüche 12,10). Solche Grausamkeit, auch wenn wir damit noch so billige Poulets produzieren, machen unsere Welt freudlos und kaputt. Gesunde, zufriedene Tiere auf der Weide aber »stellen uns auf«. Sie sind ein Stück Welt, wie Gott sie sich gedacht hat, sind Stück sinnvolle Welt, wo eins mit dem anderen verbunden ist. Eine solche Welt war für uns gierige Menschen nie ohne Verzicht, ohne Opfer zu haben, Opfer, wie sie jener Bergbauer leistet, der mir kürzlich gesagt hat, er wolle seine Kälber nicht martern, auch wenn er dabei Geld verliere. Er hat kein sentimentales, aber ein anständiges Verhältnis zu seinen Tieren, und sein Anstand verdient unsere Unterstützung.” (Gedanken von Othmar Keel im schweizerischen “Wort zum Sonntag” vom 25. Juli 1981).

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