Dialog der Kulturen

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Managré Nooma – Burkina Faso, Das drittärmste Land ist ein religiöses Paradies – Artikel von Katrin Rohde, erschienen im Frühjahr 2006 in Regionalzeitungen in Schleswig-Holstein.

Nun bin ich im Juni 13 Jahre lang eine Muslimin. Ich, Katrin Rohde, evangelisch geboren und konfirmiert in Hamburg, inzwischen 57 Jahre alt, verneige mich fünfmal täglich in Richtung Mekka und weiß 24 Suraten auf arabisch auswendig. Ich bin fröhlich, gerne und aus voller Überzeugung Muslimin.
In Burkina Faso in Westafrika, wo ich lebe, nehmen wir unsere Religion ernst, aber wir lassen uns nicht durch falsche Auslegungen täuschen. Ich kenne weder Burka noch Tschador, Jeans und T-Shirt reichen — natürlich weder knalleng noch nabelfrei, aber das wäre in meinem Alter ohnehin nicht passend. Meine muslimischen Freundinnen sind Marktfrauen, Verkehrspolizistinnen, Schneiderinnen oder Ministerinnen. Sie haben volle Terminkalender, jede Menge Kinder, manche gehen abends tanzen, andere pauken für die Uni. Meine beste muslimische Freundin ist Psychologin — eine wunderbare und einfühlsame Frau. Ihr Mann kam gerade aus Mekka zurück und brachte mir als Geschenk ein Kleid mit: Nein, keinen Tschador, es ist fröhlich knallrot! An manchen Tagen brause ich, natürlich ohne Helm und unverschleiert, mit einem schweren Motorrad durch diese Stadt, die Imame und Bettler vor den Moscheen winken mir aufmunternd und lachend zu.

In diesem Land nehmen wir Muslime auch die anderen Religionen ernst, Bibel und Koran werden oft verglichen, schließlich ist Jesus gleichzeitig der berühmte Prophet Issa des Korans, in beiden heiligen Büchern wird aufeinander Bezug genommen. Jeder ist überzeugt, der besseren Religion zu folgen. Darüber wird oft diskutiert, aber nie gestritten. Wir machen fröhliche Witze übereinander. Wenn ich Christen zu Hause besuche, klopfe ich an und rufe laut: „Halleluja“. Die Antwort wird immer ein vergnügtes „Salamualeikum“ sein.

Es wird untereinander Handel getrieben, geheiratet oder miteinander verreist. Unsere älteste Tochter geht auf ein streng katholisches Gymnasium, obwohl sie Muslimin ist, denn der Unterricht ist dort am besten. Ich kenne eine Familie mit fünf Söhnen, zwei sind Muslime, zwei sind Katholiken und einer Protestant. Das entspricht im Übrigen so ungefähr der Statistik dieses Landes.

Ein beliebtes Sprichwort ist hier: „Gott ist Wasser, ob Du das aus einem Becher oder aus einem Eimer trinkst, ist ganz egal.“ Und wenn man jemanden nach seiner Religion fragt, gibt es, gleich bei welcher Antwort, nur ein gutmütiges Achselzucken: Es gibt ja sowieso nur einen Gott. Wie Du ihn nennst, ist Deine Sache.

Hier betet jeder, egal welcher Religion. Sowohl die Kirchen als auch die Moscheen sind überfüllt. Gott wird in allen Gesprächen täglich oftmals erwähnt, dies ist es, was mir bei meinen Besuchen in Europa so fehlt: die selbstverständliche Annahme, dass wir alle gleichermaßen nach der Bibel oder dem Koran leben und eine starke Richtlinie haben, an der wir Halt finden. Ein europäischer Atheist wird hier nur Mitleid finden. Wir leben mit Gott, wir suchen seinen Segen und wissen um seine Macht: Es stirbt sich leicht in unseren Breitengraden, liegt es daran? Oder warum ist dieses arme Land, das drittärmste der Welt, in religiöser Hinsicht — das sage ich in voller Achtung und Respekt den anderen gegenüber — ein Paradies?

Natürlich gibt es auch in unserem zurückgebliebenen Lande das Fernsehen — aber nur wenige können es sich leisten, gemessen an der Bevölkerungszahl. Wir sind gut informiert durch Radio und Zeitungen, die meisten Afrikaner kennen sich sowieso in westlicher Geschichte weitaus besser aus als umgekehrt Europäer in afrikanischem Zeitgeschehen. Allerdings stehen wir eher verwundert vor politischen Hetztiraden aus dem westlichen und östlichen Ausland, denn Fanatismus findet hier nicht statt, zu unser aller großer Segen.

Dies ist das Land des Vergebens, immer und sofort wird beschwichtigt. Streitende werden getrennt, sobald ein respektierter, älterer Mensch erscheint, ein zufälliger Passant nur. Ganz selbstverständlich übernimmt dieser nun die Verantwortung und sieht sie als Verpflichtung. Sehr oft werden Konflikte mit der Bitte um Entschuldigung in aller Öffentlichkeit beigelegt. Hier findet alles draußen und vor den Nachbarn statt, jeder weiß alles über jeden. Derjenige, der stur bleibt, verliert sein Gesicht. Und ist es nicht sowohl in christlichen als auch muslimischen Religionen Brauch und Sitte, Rat anzunehmen und danach zu handeln? Wir sind hier sehr arm, aber wir haben jeder eine Richtlinie, nach der wir leben. Ob Bibel oder Koran — in beiden heiligen Büchern ist das Ziel das gleiche: Frieden, Vergebung und unser aller gute Gemeinschaft, unabhängig von Herkunft oder Religion, sind unser Bestreben.

Oft bin ich stehengeblieben bei solchen Volksaufläufen, immer wieder hat dieses gleiche Verhaltensmuster stattgefunden. Am Ende sagt dann jeder erleichtert: „Merci Dieu” und geht seiner Wege. Der Name des Ratgebers wird weitererzählt, sein Ruf hallt weit. Jeder verneigt sich vor ihm, ob Christ oder Muslim.

Hört sich an wie im Paradies, nicht wahr? Wir sind zwar die letzten in der Weltwirtschaft, unterentwickelt und unalphabetisiert, wir haben eins der niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen und eine der höchsten Sterbequoten, aber im Glauben sind wir gemeinsam stark. Unabhängig, welcher Religion wir folgen, wir haben Anstand! Es trennt uns nichts. Inshallah und Gott sei Dank! © Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag.

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