Der Euro bringt Deutschland Vorteile

Verknüpft mit unserer englischen Präsentation von Beatrice Weder di Mauro – Switzerland & Italian.

F.A.Z.-Gespräch vom 16. Juni 2005 – Der Euro ist ins Gerede gekommen. Beatrice Weder di Mauro, Professorin an der Universität Mainz und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, analysiert im Gespräch mit der F.A.Z. seine Vorteile.

Frau Weder di Mauro, hat der Euro Deutschland geschadet?

Nein. Er hat Deutschland ebenso wie den anderen Ländern Europas genutzt.

Warum? Viele Politiker machen den Euro verantwortlich für die wirtschaftliche Schwäche in Deutschland.

Das ist einfach ein Mißverständnis. Die Politik der Europäischen Zentralbank hat für Deutschland zu historisch niedrigen Zinsen geführt. Wir sprechen von einem inflationsbereinigten Realzins von etwa 0,5 Prozent. Man kann die Geldpolitik nicht für die Investitionsschwäche in Deutschland verantwortlich machen. Dafür sind andere Gründe verantwortlich.

An welche Gründe denken Sie?

Die Schwäche der deutschen Volkswirtschaft und der Binnenwirtschaft hat damit zu tun, daß die strukturellen Probleme durch den größeren Wettbewerb sehr viel offensichtlicher geworden sind. Durch die notwendigen Reformen im sozialen Sicherungssystem und auf dem Arbeitsmarkt entsteht Angstsparen, aber andererseits auch berechtigtes höheres Sparen, weil man in Zukunft etwa nur noch weniger Rente erwarten kann. Das schwächt die Binnennachfrage.

Passen sich die Deutschen an ein dauerhaft niedrigeres Lebenseinkommen an?

Ja, sicher. Die Versprechen, die in den sozialen Sicherungssystemen enthalten sind, insbesondere in den Rentensystemen, können so nicht finanziert werden. Das ist etwas, was nach und nach in das Bewußtsein der Menschen dringt und sich damit auch in geringerem Konsum und in höherem Sparen niederschlägt.

In Deutschland wächst die Wirtschaft sehr langsam, in Italien bricht sie ein. Länder wie Spanien und Irland wachsen stark. Es ist kaum vorstellbar, daß die einheitliche Geldpolitik allen Euro-Staaten paßt. Zwickt die Geldpolitik Deutschland nicht doch ein wenig stark?

Die europäische Geldpolitik ist für Deutschland kein Wachstumshemmnis. Würde die Bundesbank noch die Geldpolitik machen, wäre es undenkbar, daß sie zum jetzigen Zeitpunkt den Nominalzins tiefer setzen würde. Die Bundesbank hat immer sehr stark auf die monetäre Säule geschaut. Diese indiziert schon seit längerer Zeit ein sehr großzügiges monetäres Kleid und ein starkes Kreditwachstum.

Was brächte eine Zinssenkung der Konjunktur?

Der zusätzliche konjunkturelle Impuls wäre wahrscheinlich nicht sehr groß, angesichts der ohnehin sehr niedrigen Zinsen. Die Frage ist eher, wie lange die niedrigen Zinsen gehalten werden können.

In Ländern wie Italien oder Griechenland fiel das Zinsniveau mit dem Euro auf das niedrige deutsche Niveau. Staatliches Schuldenmachen wurde billiger, die Wirtschaft wurde angeregt. Ist Deutschland deshalb benachteiligt?

Die Einführung des Euro hatte unbestreitbar für die anderen Euro-Staaten einen Vorteil, nämlich einen niedrigeren Zins. Das heißt aber nicht, daß es Deutschland schlechter geht. Im Gegenteil: Wir profitieren davon, daß die europäischen Handelspartner jetzt stabiler sind und schneller wachsen.

In der schlechten wirtschaftlichen Situation Deutschlands hätte die D-Mark womöglich abgewertet.

Das ist unwahrscheinlich. In der Geschichte des europäischen Währungssystems haben die anderen Länder, die weniger Disziplin hielten, gegenüber der D-Mark abgewertet. Der Euro hat große Wechselkursausschläge und Währungskrisen verhindert. Deutschland hat den Vorteil gewonnen, sich nicht mehr gegen Abwertungen anderer Staaten behaupten zu müssen.

Doch bleibt für Deutschland im Euro-Raum nur die reale Abwertung, um die Wirtschaftskrise zu bewältigen.

Wenn die Anpassung nicht mehr über die nominalen Wechselkurse geschehen kann, dann geschieht sie über die realen Wechselkurse, sprich über die Inflationsdifferenzen. Das funktioniert ja auch schon.

Heißt reale Abwertung auch Lohnzurückhaltung?

Die relativ niedrigere Inflation in Deutschland ist auch mit niedrigeren Entwicklungen bei den Arbeitskosten einhergegangen. Relativ zu den europäischen Ländern hat die Wettbewerbsfähigkeit seit Mitte der neunziger Jahre zugenommen. Diese reale Abwertung zeigt sich im Zugewinn von Marktanteilen auf den Exportmärkten und im Konjunkturimpuls vom Außenhandel. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ländern außerhalb des Euro-Raums bringt die Notwendigkeit einer weiterhin relativ niedrigen Preis- und Lohnentwicklung mit sich.

Die SPD regt Lohnsteigerungen an, um die Binnennachfrage anzukurbeln und so die Arbeitslosigkeit abzubauen.

Das würde die Kosten in die Höhe treiben und die Wettbewerbsfähigkeit zerstören, die mühsam errungen wurde. Das Problem von Deutschland ist die Verfestigung der Arbeitslosigkeit und das niedrige Potentialwachstum. Darauf muß die Wirtschaftspolitik ausgerichtet werden.

Fast 60 Prozent der Deutschen möchten die Mark zurück. Der Euro gilt als Teuro. Was entgegnen Sie den Zweiflern?

Der ursprüngliche Euroskeptizismus bezog sich darauf, daß man eine Weichwährung befürchtete. Das hat sich nicht bestätigt. Der “Teuro” ist ein anderes Problem. Die gefühlte Inflation liegt höher als die tatsächliche Inflation und als die Inflationserwartungen. Dieses Rätsel läßt sich wohl nur dadurch erklären, daß eben jene Güter besonders starke Preisschübe erfahren haben, die wir bar bezahlen, und die besonders viel Beachtung finden. Aber die gefühlte Inflation ist laufend zurückgegangen. Die tatsächliche Inflation liegt niedriger als zu Mark-Zeiten.

Mit Verlaub, aber die meisten Deutschen glauben weder Ihnen noch der EZB, wenn sie auf die niedrige Inflationsrate verweist.

Ich meine, daß das ein Übergangsproblem ist. Man wird merken, daß die Summe aller Ausgaben zählt. Nehmen wir die Miete, den größten Ausgabenposten in jedem Haushalt. Wenn Sie sich überlegen, wie gemäßigt sich die Mieten entwickelt haben und das ins Verhältnis setzen zu den Mehrausgaben für Kaffee und Restaurantbesuche, dann werden Sie feststellen, daß die offiziellen Inflationszahlen die Wahrheit sagen.

Der Euro trägt zu einer stärkeren Integration der europäischen Finanzmärkte bei. Was bringt das dem Bürger, der sich dem Kapitalismus ausgeliefert fühlt?

Mit dem Euro ist vor allem im Geldmarktbereich ein wirklich europäischer Markt entstanden. In vielen Bereichen aber sind die europäischen Finanzmärkte und Bankensysteme noch weniger integriert als etwa die amerikanischen. Effiziente Finanzmärkte sind ein wichtiger Wachstumstreiber. Sie sorgen dafür, daß die Ersparnisse möglichst gewinnbringend angelegt werden.

Viele Ökonomen sehen in den Inflationsunterschieden Probleme für die Währungsunion, weil diese zu Realzinsunterschieden führen.

Die Inflationsunterschiede zwischen den Euro-Staaten sind nicht größer als innerhalb der Vereinigten Staaten. Die Realzinsunterschiede, die es ja geben muß, sind nicht sehr groß. Sicher, in einigen Euro-Staaten ist der Realzins noch niedriger als in Deutschland. Aber die entscheidende Frage ist, ob das für Deutschland ein Nachteil ist? Die Antwort ist nein.

Können sich durch die Realzinsunterschiede Wachstumsunterschiede verfestigen, so daß die einheitliche Geldpolitik sich selbst ihre Probleme schafft?

Dazu müßten Sie zeigen, daß der momentane Realzins ein Investitionshemmnis ist. Das wird für Deutschland kaum gelingen. Allenfalls kann man befürchten, daß die sehr niedrigen Realzinsen in schneller wachsenden Länder zu Immobilienpreisblasen und zu einer gewissen Destabilisierung in diesen Ländern führen.

Ist es sinnvoll, noch auf nationale Realzinsen zu blicken, wenn es einen europäischen Kapitalmarkt gibt?

Es macht immer weniger Sinn, je internationaler die Unternehmen werden. Würden wir Realzinsen für deutsche Regionen ausrechnen, kämen wir wohl zu dem Schluß, daß der Realzins in Ostdeutschland ein anderer ist als in Bayern. Dennoch käme niemand auf die Idee, verschiedene Währungen einzuführen.

Brauchen wir mehr Flexibilität, weil im Euro-Raum der nominale Wechselkurspuffer entfallen ist?

So ist es, vor allem am Arbeitsmarkt. Man wird letztlich nicht um eine weitere Differenzierung der Arbeitsbedingungen und Arbeitszeit und eine weitere Flexibilisierung der Flächentarifverträge herumkommen. Zudem müssen die Bedingungen verbessert werden, damit ein Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte entsteht.

Wenn wir die D-Mark behalten hätten, hätten wir dieselben Probleme?

Ziemlich sicher, ja.

Das Gespräch führte Patrick Welter.

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