Die Klasse

TV film auf SF2 am 18.11.2012/22.25h

Wäre ich als Lehrerin vor dieser Klasse gestanden, hätte ich einigen Jungen und Mädchen dies sagen wollen:

Ihr wisst nicht, warum ihr hier zur Schule geht. Ihr seid hier, weil das Erziehungskonzept unserer zivilisierten Länder euch dazu zwingt. Ihr müsst euren Tag hier verbringen, weil ihr während der Schulzeit an keinem anderen Ort sein dürft.  

Aber etwas in euch fängt jetzt an, erwachsen zu werden. Ihr müsst euch deshalb auf Probe schon mal als Erwachsene aufführen dürfen. Ihr seid aber Persönlichkeiten, die gerade anfangen sich zu entfalten. Entfalten heisst, Eigenschaften des Erwachsenenseins zeigen sich nach und nach, eine Eigenschaft nach der anderen, und zwar nicht unbedingt in einer Reihenfolge, die uns richtig Erwachsenen passt.

Eine der Eigenschaften, die sich meistens am Anfang zeigt ist die Fähigkeit, selber zu bestimmen was man will. Diese Eigenschaft kommt zwar schon beim Kleinkind deutlich heraus, aber je nach Erziehungssystem innerhalb einer Familie oder eines Clans kann diese Fähigkeit noch einmal unterdrückt werden, und meistens wird das von den Müttern auch gemacht. Schon deshalb, weil sie selber fremdbestimmt sind, oder weil Mütter die richtigen Grenzen eines solchen Tuns gar nicht abwägen können, und auch, weil es für die Mutter so bequemer ist.

Die Unterdrückung des Selbstbestimmens gelingt auch deshalb, weil dem Kind die Entdeckung der Welt wichtiger ist.

Aber ihr seid jetzt um die 13 Jahre alt und die Pupertät verlangt, dass ihr euer Leben selber in die Hände nehmt. Und da macht euch das obligatorische Schulsystem einen kräftigen Strich durch die Rechnung:

Ihr dürft nicht selber darüber bestimmen, ob ihr überhaupt noch zur Schule gehen wollt.

Und das in einem Alter, an einem Punkt eures Lebens, wo Selbstbestimmung meiner Meinung nach für alle weitere Entwicklung eine Voraussetzung ist.

Ja, es tut mir leid für euch, aber hier liegt der Fehler klar bei uns, bei unserem Konzept, was denn das Beste für euch sei.

Denn das wollen wir. Wir wollen nur das Beste für euch, aber leider wissen wir nicht, was das Beste für euch ist. Das heisst, einige von uns, vielleicht sogar viele der Lehrer wissen es schon, ganz im Stillen für sich, dass ihr jetzt ins Leben hinaus gehört.

Wir Erwachsene wissen aber auch, dass das Leben, das euch erwarten würde, für euch viel schlechter wäre, denn gemäss unserem jetzt laufenden Gesellschaftssystem würden viele von euch, wenn ihr überhaupt eine Stelle findet, als einfache Billigstarbeiter beginnen und nur wenig weiterkommen.

In den Augen von uns, die schon lange im Berufsleben stehen, ist die Schulzeit im nachhinein verklärt, bekommt oft die Patine eines Heiligenscheins … und wir klammern viel Unangenehmes aus, besonders unsere damaligen Gefühle der Hilfloskigkeit … diese Gefühle haben wir auch jetzt noch viel zu oft, und meinen dann, da sei die Schule doch noch besser gewesen …

Unsere zivilisierte Gesellschaft ändert sich zwar, aber nicht schnell genug, um euch entgegen zu kommen für das, was ihr jetzt bräuchtet: absolute Unabhängigkeit in eurem Tun und Lassen, damit ihr euer Erwachsenensein ausprobieren könnt.

Dagegen machen wir aus euch gute zukünftige Produzierer von Waren und Dienstleistung, die genau nach einem festgelegten Progamm funktionnieren. Disziplin ist dazu die Voraussetzung. Und darum hat das Schulsystem euch ein Minimum von Selbstdisziplin einzuüben.

Diese Selbsteinordnung in ein schon bestehendes System erwartet euch auch in anderen Ländern. Auch dort im Süden werdet ihr in ein System eingegliedert, nur geht ihr dort nie so lange zur Schule, ausser eure Eltern gehören dort zur Elite. Aber Elitekinder unterstehen anderen Regeln und Voraussetzungen. In allen Ländern.

Ich denke an euch farbige Schüler aus südlichen Ländern, deren Eltern ganz bestimmt glauben, es sei das Beste für euch, wenn ihr möglichst viel Zeit eurer Pupertät in Klassenzimmern vergammelt. Sie sind noch schlimmer als die Eltern im Norden, weil es noch mehr an Frustration zu kompensieren gilt, noch mehr Hoffnung und Zukunftsglaube in die nächste Generation gesteckt wird.

Eltern, welche nie werden durften, was sie einmal als Jugendliche träumten sind die schlimmsten Vergewaltiger der Träume ihrer Kinder.

Ganz einfach, weil sie diesen eigenen Kindern ihre eigenen Träume aufzwingen müssen … unbewusst, zwangsneurotisch, hilflos. Sie sind unfähig einzusehen, dass ihre Kinder EIGENE Träume haben.

Eigene Träume, welche noch nicht durch die Frustrationen eines Erwachsenenlebens gefälscht wurden.

Die unausgesprochenen Frustrationen eurer Eltern haben eure eigenen Träume derart beeinflusst und verfälscht, dass ihr euch selber nicht mehr versteht. Das einzige, was ihr noch könnt, ist in der Schule dahinträumen, rebellieren und mit den Kameraden zu quatschen und herumzublödeln.

Ihr habt nicht die leiseste Ahnung, warum ihr hier seid. Ihr könnt euer Leben nicht in die eigenen Hände nehmen, um zu lernen, was Eigenverantwortung ist, weil das ein Akt ist, der viel mehr fordert, als nur ja oder nein zu einer Schulaufgabe zu sagen, oder ob man dem Lehrer gegenüber noch höflich sein will.

Sein Leben selber in die Hände zu nehmen ist zuerst einmal eine gefühlte Handlung. Man fühlt sich selber existieren und entscheidet DANN, was weiter zu geschehen hat. Wenn eine ganze Zivilisation ihren pupertierenden Nachwuchs in ein Klassenzimmer sperrt, ist das mehr als geistige Vergewaltigung. Die UNO hatte vergessen, in ihre Charta aufzunehmen:

Es ist ein absolutes Menschenrecht eines in die Pupertät Hineinwachsenden, selber zu bestimmen, was mit ihm zu geschehen hat. Dies natürlich unter Berücksichtigung der schon bestehenden Erwachsenenwelt, welche nicht in ihrem Ablauf gestört sein will.

Deshalb sind diesen Heranwachsenden Freiräume zu geben, in welchen sie sich in einzelne, selbstbestimmte Gruppen zusammentun können. In diesen Freiräumen können neue Regeln aufgestellt werden. Einzige Bedingung: es gelten die minimalen Regeln der UNO-Menschenrechte und jeder darf die Gruppe wann immer verlassen.

Ich würde es als erzieherisch betrachten, nur minimalste Bedürfnisdeckung von aussen zu gewährleisten … Selbstorganisation … ich weiss, in unseren Grosstädten nur ein Traum, wir sind zu hilflos, um so etwas zu schaffen …

… und hier stosse ich an die Grenze einer wirklich sinnvollen Jugenderziehung: die Erwachsenen selber sind dazu unfähig, haben nicht den leisesten Schimmer eines Realitätsbewusstseins, können höchstens selber als gut eingearbeitete Schaffer in dieser Tretmühle namens zivilisierte Gesellschaft funktionnieren … ich denke an den im Film gut gezeigten Hilflosigkeit während der Diskussion im Lehrerzimmer: kein einziger Lehrer konnte zugeben, dass diese Art von Schule eurem Heranwachsen nicht gerecht wird, für euch keinen Sinn macht.

Also, bevor wir unsere Jugend erziehen, sollten wir selber fähig sein, unsere Banken- und Wirtschaftsordnung, unser Zusammenleben und all das, was uns gehören soll, oder wo wir doch nicht mitreden dürften, einmal zu regeln.

Einem System Unterworfene, die ihre eigene Kondition immer nur verleugnet haben, können für ihre Nachkommen immer nur etwas Besseres wünschen. Gleichzeitig verwehrt ihre Angst diesen Nachkommen jeden Ausbruch aus einer schon bestehenden Realität.

Wir zwingen unsere Kinder – euch Jugendliche – in ein System, das aus euch genau das macht, was wir schon sind: hilflose Produzierer von Waren und Dienstleistungen, welche … //

… und auf einen Pappy, eine Mammi, oder einen Superpräsidenten warten, der alles richten soll …

… und auch ihr werden immer mehr unfähig, dieses System wirklich neu zu durchdenken … und wie für jede neue Generation bleibt die Wahl zwischen Unterwerfung oder Rebellion …

… nun, vielleicht wird eure Generation das alles selber einmal in die Hand nehmen, um für eure Kinder …

Links:

der Film die Klasse auf de.wikipedia;
le film Entre les murs dans fr.wikipedia;
The Class (2008 film) on en.wikipedia.

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